Heavy Metal: Eisen in der Lebensmitte zwischen Mangel und Übermaß
- Benita

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 5 Tagen
Eisen gilt als klassischer Mangelstoff bei Frauen. Diese Einordnung stammt vor allem aus der reproduktiven Lebensphase, in der regelmäßige Menstruationsblutungen zu kontinuierlichen Eisenverlusten führen. In der Lebensmitte beginnt sich diese Logik zu verschieben. Hormonelle Veränderungen, veränderte Blutungsmuster und altersabhängige Stoffwechselprozesse verändern nicht nur den Bedarf, sondern auch die Risiken einer Unter- und Überversorgung.
Viele Frauen gehen mit der Annahme in die Wechseljahre, dass Eisen nun kein relevantes Thema mehr sei. Weniger oder ausbleibende Blutungen bedeuten jedoch nicht automatisch stabile Eisenspeicher. Gerade die Übergangsphase stellt eine besondere Konstellation dar, in der sich Risiken eher verschieben als auflösen.

Perimenopause: Starke Blutungen, Eisenmangel, Wechseljahressymptome
Die Perimenopause ist häufig geprägt von unregelmäßigen, verlängerten oder sehr starken Blutungen. Diese können kurzfristig zu erheblichen Eisenverlusten führen. Gleichzeitig ähneln die Symptome eines Eisenmangels in dieser Phase stark typischen Wechseljahresbeschwerden. Müdigkeit, Leistungsabfall, Konzentrationsprobleme, Haarausfall, Kurzatmigkeit oder Herzrhythmusstörungen werden oft hormonell erklärt, obwohl ein funktioneller Eisenmangel mitbeteiligt sein kann. Das führt dazu, dass Eisenprobleme übersehen oder erst spät erkannt werden.
🎓 Eine große Studie zeigt, dass der Anteil der Frauen mit starken Blutungen mit zunehmendem Alter steigt. In der Gruppe der 48-jährigen Frauen, die noch menstruierten, berichteten knapp 40 % über sogenanntes Heavy Menstrual Bleeding. Das Risiko für einen Eisenmangel war in dieser Gruppe mehr als doppelt so hoch.
Women who experience heavy menstrual bleeding: prevalence and characteristics from young adulthood to midlife, in:Medical Journal of Australia (2025)
Postmenopause: Hoher Ferritinwert und Stoffwechselrisiken
Nach der Menopause kehrt sich die Situation häufig um. Der Wegfall der Menstruation führt bei vielen Frauen zu einem deutlichen Anstieg der Eisenspeicher, oft stärker als erwartet. Gleichzeitig verändert sich mit zunehmendem Alter die Eisenverwertung. Niedriggradige Entzündungsprozesse nehmen zu, Eisen kann vermehrt im Gewebe gebunden werden und steht dem Stoffwechsel nicht uneingeschränkt zur Verfügung. Ein normaler oder sogar erhöhter Ferritinwert schließt daher einen funktionellen Mangel nicht sicher aus.
🎓 Daten zeigen, dass sich der Ferritinwert nach der Menopause im Vergleich zu prämenopausalen Frauen etwa verdreifacht. Studien bringen diese Eisenakkumulation mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Osteoporose in Verbindung. In der Postmenopause rückt daher weniger der Mangel als vielmehr die Überwachung einer potenziell schädlichen Eisenanreicherung in den Vordergrund. Changes in Iron Status Biomarkers with Advancing Age According to Sex and Menopause, in: Journal of Clinical Medicine (2023)
Eisen ist damit in der Lebensmitte kein einfacher Mangelstoff mehr, sondern ein Nährstoff mit engem optimalem Bereich. Zu wenig Eisen beeinträchtigt Energie, Stimmung und Leistungsfähigkeit. Zu viel Eisen kann Stoffwechselprozesse belasten und langfristige Risiken erhöhen. Prävention bedeutet hier nicht Auffüllen nach Schema, sondern differenziertes Einordnen.

Wozu braucht der Körper eigentlich Eisen?
Eisen wird häufig auf seine Rolle in der Blutbildung reduziert. Tatsächlich ist es ein zentraler Bestandteil des Hämoglobins und damit unverzichtbar für den Sauerstofftransport. Fehlt Eisen, erreicht Sauerstoff die Gewebe nicht in ausreichender Menge. Körperliche Belastbarkeit nimmt ab, Konzentration fällt schwer, Kurzatmigkeit tritt schneller auf. Diese Funktion ist gut bekannt und medizinisch unstrittig.
Weniger präsent ist, dass Eisen an vielen weiteren Stoffwechselprozessen beteiligt ist. Es wirkt als Cofaktor zahlreicher Enzyme, die Energiegewinnung, Immunfunktion und den Hormonstoffwechsel steuern.
Besonders sensibel reagiert das Gehirn. Für die Bildung von Serotonin, einem zentralen Botenstoff für Stimmung und emotionale Belastbarkeit, ist Eisen erforderlich. Fehlt es, kann dieser Prozess gebremst sein. Das führt nicht automatisch zu einer Depression, kann aber die Anfälligkeit für depressive Verstimmungen erhöhen und bestehende Symptome verstärken. Gerade in der Lebensmitte ist dieser Zusammenhang relevant. Wenn Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit oder emotionale Erschöpfung auftreten, werden diese häufig ausschließlich hormonell eingeordnet. Ein Eisenmangel kann die Symptomatik jedoch überlagern oder verstärken.
🎓 Eisenmangel betrifft vor allem drei Systeme, die für Frauen in der Lebensmitte zentral sind: Immunsystem, Gehirn und Energiestoffwechsel. Gleichzeitig ist Eisen biologisch ambivalent. Es ist essenziell, kann bei Übermaß jedoch zellschädigend wirken. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer engen Regulation von Eisenaufnahme und Eisenspeicherung.
Iron biology in immune function, muscle metabolism and neuronal functioning, in: Journal of Nutrition (2001)

Laborwerte richtig interpretieren: Referenz ist nicht optimal
Viele Frauen erhalten nach einer Blutuntersuchung die Rückmeldung, ihr Eisenwert liege im Normbereich. Gemeint ist damit meist das Serum-Eisen. Dieser Wert beschreibt, wie viel Eisen zum Zeitpunkt der Blutabnahme im Blut zirkuliert. Er schwankt stark, reagiert auf Ernährung, Stress oder Infekte und eignet sich wenig zur verlässlichen Beurteilung des Eisenstatus.
Aussagekräftiger ist der Ferritinwert. Ferritin spiegelt den Eisenspeicher des Körpers wider und damit die langfristige Versorgung mit Eisen. Genau dieser Speicher ist entscheidend für die Funktion eisenabhängiger Prozesse. Problematisch ist jedoch, dass die Referenzbereiche der Labore (z.B. 10-150 µg/L) weit gefasst und statistisch definiert sind. Ein Ferritinwert von 15 oder 20 µg/L liegt damit zwar noch im Normbereich, für viele Frauen ist das jedoch kein Wert, bei dem sie sich leistungsfähig oder belastbar fühlen.
🎓 In der Lebensmitte wird daher zunehmend zwischen Mindestwerten und funktionellen Zielwerten unterschieden. Während sehr niedrige Ferritinwerte klar behandlungsbedürftig sind, gelten Werte im Bereich von 70 bis 100 µg/L in vielen präventivmedizinischen Konzepten als sinnvoller Zielbereich. Ein Wert von etwa 50 µg/L wird dabei als physiologischer Schwellenwert beschrieben, unterhalb dessen Lebensqualität und Leistungsfähigkeit bei vielen Frauen nachlassen.
Sex, lies, and iron deficiency: a call to change ferritin references, in: Hematology ASH EducationProgram (2023)
🎓 Haarausfall ist eines der frühesten und häufigsten Symptome niedriger Eisenspeicher. Studien zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für diffusen Haarverlust bei Ferritinwerten unter etwa 40 µg/L. In einer Untersuchung wiesen rund 72 Prozent der menstruierenden Frauen mit diffusem Haarausfall Ferritinwerte unter 40 µg/L auf. Für stabiles Haarwachstum werden in der dermatologischen Literatur Zielwerte um 70 µg/L diskutiert.
Micronutrients in hair loss, in: Our Dermatology Online (2018)
Ein Stolperstein ist die Einordnung des Ferritinwerts bei gleichzeitigen, oft unbemerkten stillen Entzündungen. Ferritin ist ein sogenanntes Akut-Phase-Protein und steigt bei entzündlichen Prozessen an, unabhängig vom tatsächlichen Eisenstatus. Ein scheinbar normaler oder erhöhter Ferritinwert kann daher einen funktionellen Eisenmangel überdecken.
🎓 Um Eisenmangel auch im Kontext von Entzündungen besser zu erkennen, wird zunehmend das Verhältnis von Ferritin zu C-reaktivem Protein (CRP) diskutiert. Ein Ferritin/CRP-Quotient von unter 6 wurde als Schwellenwert vorgeschlagen, um einen Eisenmangel trotz entzündlicher Aktivität zu identifizieren.Serum ferritin/C-reactive protein ratio is a simple and effective biomarker for diagnosing iron deficiency in the context of systemic inflammation, in: International Journal of Medicine (2024).

Eisenaufnahme verbessern
Bei Eisen entscheidet nicht, wie viel Du zuführst, sondern wie viel davon der Körper tatsächlich aufnehmen kann. Anders als bei vielen anderen Nährstoffen wird Eisen kaum aktiv ausgeschieden. Der Körper steuert seinen Eisenhaushalt deshalb fast ausschließlich über den Darm. Was dort nicht aufgenommen wird, steht dem Stoffwechsel nicht zur Verfügung.
Ein zentraler Faktor ist die Form des Eisens. Eisen aus Fleisch und Fisch (Hämeisen) wird im Schnitt besser aufgenommen und ist weniger abhängig davon, was sonst noch auf dem Teller liegt. Pflanzliches Eisen (Nicht-Hämeisen) ist deutlich variabler in der Aufnahme und reagiert empfindlich auf typische Bestandteile unserer Ernährung. Das erklärt, warum fleischarme, vegetarische oder vegane Ernährung das Erreichen stabiler Eisenspeicher erschweren kann, selbst wenn die rechnerische Zufuhr formal ausreicht.
🎓 Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass bestimmte Faktoren die Eisenaufnahme deutlich beeinflussen. Fördernd wirken unter anderem Vitamin C und Eiweiße. Hemmend wirken Kaffee und Tee, Milch und Milchprodukte sowie calciumreiche Mineralwässer. Eine Eisentablette am Morgen mit anschließendem Milchkaffee entfaltet daher oft nur eine begrenzte Wirkung.
Iron Absorption: Factors, Limitations, and Improvement Methods, in: ACS Omega (2022)
Ist der Ferritinwert tatsächlich zu niedrig, stellt sich die Frage, wie sich die Eisenspeicher wieder auffüllen lassen. Das ist meist ein mühsamer Prozess. Eisenreiche Lebensmittel sind ein sinnvoller erster Schritt, reichen bei ausgeprägtem Mangel jedoch häufig nicht aus. In diesen Fällen wird eine Supplementierung notwendig. Sie erfordert Geduld, denn der Aufbau der Speicher dauert Wochen bis Monate. Zudem sind Eisenpräparate nicht immer gut verträglich. Übelkeit, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall führen nicht selten dazu, dass die Einnahme unregelmäßig erfolgt.
🎓 Eine randomisierte Studie zeigt, dass die Einnahme von Eisen jeden zweiten Tag günstiger sein kann als die tägliche Gabe. Die Eisenaufnahme war bei alternierender Einnahme um etwa 40 bis 50 Prozent höher als bei täglicher Supplementierung.
Iron absorption from supplements is greater with alternate-day than with consecutive-day dosing in iron-deficient anemic women, in: Haematologica (2020)
Es gibt Situationen, in denen Tabletten oder Tropfen nicht ausreichen. Wenn der Ferritinwert trotz korrekter Einnahme nicht steigt, wenn Beschwerden ausgeprägt sind, wenn eine Resorptionsstörung wahrscheinlich ist oder wenn die orale Therapie nicht toleriert wird, kann eine Eiseninfusion der schnellere Einstieg auf ein sinnvolles Niveau sein. Sie ermöglicht einen rascheren Aufbau der Speicher, ist jedoch mit Aufwand, Kosten und potenziellen Risiken verbunden und gehört in ärztliche Betreuung.
Gerade weil Eisen biologisch so wirksam ist, gehört es zu den wenigen Mikronährstoffen mit einem relevanten Überdosierungsrisiko. Überschüssiges Eisen kann oxidativen Stress fördern, Zellen schädigen und langfristig Stoffwechselprozesse belasten. Eine unkritische Dauer-Supplementierung ohne Laborkontrollen ist daher keine gute Idee.

Postmenopause: wenn hohe Ferritinwerte neue Fragen aufwerfen
Nach der Menopause verschiebt sich die Bedeutung des Eisenstatus grundlegend. Der regelmäßige Blutverlust entfällt, und damit auch ein wichtiger natürlicher Regulationsmechanismus. Ein zu hoher Ferritinwert bleibt dabei häufig lange unbemerkt, obwohl er metabolisch relevant sein kann. Entscheidend ist jedoch weniger der bloße Anstieg von Ferritin als die Frage, was erhöhte Eisenspeicher im postmenopausalen Stoffwechsel bewirken.
🎓 In einer aktuellen Studie wurde der Verlauf von Ferritin über die verschiedenen Stadien der Wechseljahre untersucht. Das zentrale Ergebnis: Die Menopause selbst markiert einen abrupten Umbruch im Ferritinstoffwechsel. Im unmittelbaren Übergang zur Menopause vervielfacht sich der Anstieg von Ferritinsprunghaft. Der Anstiegskoeffizient steigt dabei von etwa 2 auf rund 20. In der Postmenopause verlangsamt sich der Anstieg wieder, bleibt aber weiterhin deutlich erhöht. Die Menopause wirkt damit nicht als schleichender Übergang, sondern als metabolischer Umschaltpunkt im Eisenhaushalt.
Accelerated increase in iron status biomarkers across the menopausal transition, in: Scientific Reports (2025).
In der Postmenopause steht daher weniger die Frage nach Eisenmangel in den Vordergrund, sondern die Bewertung erhöhter Ferritinwerte im Kontext von Stoffwechsel und Entzündung.
Metabolisches Syndrom: Besonders konsistent ist die Datenlage für den Zusammenhang zwischen erhöhtem Ferritin und kardiometabolischen Risiko. In zahlreichen Studien gehen höhere Ferritinwerte mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Insulinresistenz, gestörten Zuckerstoffwechsel und Typ-2-Diabetes einher.
🎓 Postmenopausale Frauen mit erhöhten Ferritinwerten hatten in einer Studie ein etwa doppelt so hohes Risiko für Insulinresistenz und das metabolische Syndrom, bestehend aus Übergewicht, Bluthochdruck und gestörter Blutzuckerregulation.
Serum ferritin level is positively associated with insulin resistance and metabolic syndrome in postmenopausal women, in: Maturitas (2017)
Fettleber: Ein zentrales Bindeglied ist die Leber. Erhöhte Ferritinwerte treten häufig gemeinsam mit nicht-alkoholischer Fettleber auf. Dabei ist Ferritin sowohl Marker als auch möglicher Verstärker eines gestörten Leberstoffwechsels. Eisen kann sich im Lebergewebe anreichern und dort oxidativen Stress fördern, was bestehende metabolische Veränderungen verschärfen kann.
🎓 In der genannten Analyse wiesen Frauen mit hohen Ferritinwerten eine signifikant höhere Prävalenz von Fettleber auf. Die Häufigkeit lag bei 22 %, verglichen mit rund 8 % bei Frauen mit normalen oder niedrigen Ferritinwerten.
Accelerated increase in iron status biomarkers across the menopausal transition, in: Scientific Reports (2025)
Was bedeutet ein hoher Ferritinwert in der Postmenopause praktisch?
Ein erhöhter Ferritinwert ist kein Automatismus für eine Therapie. Er ist ein Signal, das eingeordnet werden muss.
CRP immer mit berücksichtigen: Ferritin sollte in der Postmenopause nicht ohne Entzündungsmarker interpretiert werden. Ein erhöhtes CRP kann Ferritin unabhängig vom Eisenstatus ansteigen lassen und verändert die Bewertung grundlegend.
Ernährung bei Eisenakkumulation anpassen. Bei hohen Ferritinwerten ist Zurückhaltung bei stark eisenreichen Lebensmitteln sinnvoll. Gleichzeitig sollte antienzündliche Ernährung in den Vordergrund treten.
Blutspende als physiologischer Hebel: Regelmäßige Blutspenden senken nachweislich die Eisenspeicher und können ein effektiver und sicherer Weg sein, Eisenüberschuss zu reduzieren.
Keine routinemäßige Eisensupplementierung: In der Postmenopause sollte Eisen nicht ohne klare Indikation supplementiert werden.
Ganzheitlich checken: Leberwerte, Blutzucker und Blutdruck gehören bei auffälligem Ferritin in die Gesamtbewertung.
Eisen in der Lebensmitte braucht Kontext
Eisen ist in der Lebensmitte kein simples Nährstoffmangel-Thema mehr. In der Perimenopause können starke Blutungen zu relevanten Eisenverlusten führen, die leicht übersehen werden. In der Postmenopause verschiebt sich der Fokus. Eisenspeicher steigen häufig an und können Teil eines metabolischen oder entzündlichen Geschehens werden.
Entscheidend ist nicht ein einzelner Laborwert, sondern der Zusammenhang, Ferritinwerte braucht Kontext. Referenzbereiche sind kein Garant für Wohlbefinden. Sowohl Mangel als auch Überversorgung können Symptome verstärken und langfristige Risiken beeinflussen. Prävention bedeutet deshalb nicht pauschales Auffüllen oder Vermeiden, sondern differenziertes Einordnen.
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Hinweis: Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung. Bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme sollte eine ärztliche Rücksprache erfolgen.


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